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An die Kinder denken

Wanderlust

             Zugegeben,    ich war schon eine Weile nicht mehr in der Kirche. Es konnte also nicht    schaden, mal wieder hinzugehen. Der Anlass war der 950. Geburtstag genau    desjenigen Dorfes, in dem das Elternhaus meiner schönen Frau steht und in    dem meine Schwiegereltern noch heute leben. Festgottesdienst im Festzelt.    Gleich vor dem Eingang stand ein schöner Pavillon, unter dem die    Gesangbücher ausgeteilt wurden. Mit Henkel. Aus Fässern.    Die Familie meiner Frau ist aber, wie alle im Dorf, textsicher, also gingen    sie vorbei. Ich hätte schon gern eins mitgenommen, denn man weiß ja nie,    was sie in einer fremden Gemeinde so singen. Wir nahmen an Tischen und    Bänken Platz und dann ging es auch schon los. Die Dorfkapelle baute sich mit    Akkordeon, Posaune und Saxophon auf der Bühne auf und stimmte das schöne    Lied vom kleinen Försterhaus an. Das Festzelt begann zu schwingen und ich    wollte jetzt doch Gesangbücher holen. Mein Schwiegervater zeigte an, dass    ich ihm eins mitbringen soll.

Als wir uns nun so richtig schön eingeschunkelt hatten, kam aber der Pfarrer und sagte, dass es mit dem Gottesdienst noch nicht losgehen könne, weil gleichzeitig genau vor dem Zelt noch das Simson-Treffen begönne und der Schützenverein die Kanonen abfeuern wollte. Das wolle man noch abwarten und der Schützenverein hätte ein wenig Verspätung. Die Festgemeinde indes nahm es gelassen und wer eins hatte, beschäftigte sich weiter mit seinem Gesangbuch. Schließlich gingen die Kanonen los und mindestens einhundert Simsons knatterten um die Wette. Als die Böller verschossen und der Zwieback zersägt war, konnte die Gemeinde mit dem Festgottesdienst beginnen, welcher nun seinen ordnungsgemäßen Verlauf nahm.

Es wäre zwar auch schön gewesen, wenn die Kapelle weitergespielt und es zwischendurch auch mal wieder frische Gesangbücher gegeben hätte, aber dann hätte die Versammlung wahrscheinlich auch nicht nach drei Viertelstunden ihr Ende gefunden, was wiederum von den Kindern zu viel verlangt gewesen wäre. Und an die muss man ja auch und vor allem denken. Denn ohne Kinder wird kein Dorf 950 Jahre alt.

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