Anfangen, zu lesen

Im Korczak-Film von Andrzej Wajda sitzt der alte Kinderarzt und Pädagoge nächtens in seinem Warschauer Waisenhaus in einem kleinen Zimmer am Tisch und blickt durch ein rundes Fenster auf einen Schlafsaal. Hin und wieder muss er seine Schreibarbeit unterbrechen und ein Kind zu sich hereinholen, das anfängt zu weinen, um es zu beruhigen. Dann schreibt er weiter, nicht ohne hin und wieder einen großen Schluck aus einer Flasche mit einer klaren Flüssigkeit zu nehmen. Dabei schüttelt es ihn und dann schreibt er mit schmerzverzerrtem Gesicht weiter. Kinder, was waren das für Zeiten! An diese Szene muss ich oft denken, wenn ich abends nahezu zwei Stunden bei meinen Kindern am Bett sitze und dabei nichts, aber auch gar nichts zustande bringe.
Nur dass ich höchstens zwei Kinder durch die Nacht bringen muss. Bei Korczak waren es zweihundert. Statt durch ein rundes Fenster zu schauen, lausche ich durch ein Babyfon. Und weil ich nicht die ganze Nacht auf bleibe, schreibe ich eben keine Bücher, sondern nur ganz kurze Posts. Korczak hätte damit nichts anzufangen gewusst, aber die Medien seiner Zeit hat er auch zu nutzen gewusst. Er hat Radiosendungen über Erziehung gemacht, mit denen er bekannt wurde. Heute wären das Podcasts. Und Bücher hat er geschrieben. Ein riesiges Werk. Keine Wissenschaft sondern Literatur. Es ist ganz unglaublich, dass sein Name und sein Werk so wenig bekannt sind. Ein bisschen bekannter ist die (wahre) Legende Korczak, der mit seinen Kindern nach Treblinka gegangen ist. Bis in den Tod. Aber dahinter verschwindet das ganze große Werk dieses großen Menschen.
Wer anfangen will, Korczak zu lesen, könnte mit "Wie man ein Kind lieben soll" anfangen. Meine schöne Frau und ich wollten es eigentlich gemeinsam lesen, als unser erstes Kind noch unterwegs war. Wir sind damals nicht weit gekommen. Vielleicht, weil die Zeit damals noch nicht reif war. Wollen wir es noch mal versuchen? Das will ich meine schöne Frau fragen. Und sie wird sagen: Ja mein Schatz, warum nicht?
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