Der Katastrophenkoffer
Gerade habe ich bei Maximilian Buddenbohm gelesen, wie unlängst in Hamburg Wohnungen wegen Baufälligkeit per Behördenbeschluss in kürzester Zeit geräumt werden mussten. Die Mieter konnten nur mitnehmen, was sie gerade tragen konnten und dann wurden die Häuser weggebaggert. Wir würden unsere drei Kinder tragen. Alles andere wäre weg. Wie abgebrannt. Vielleicht sollte ich ein kleines Köfferchen einrichten, in dem die notwendigsten Papiere und kleinen Gegenstände mitnahmebereit verstaut sind. Wie eine Krankenhaustasche. Meine Oma hatte immer eine fertig gepackt in ihrer Schlafkammer stehen. Ja, selbst meine schöne Frau hatte in den Endphasen ihrer Schwangerschaften jeweils eine Kliniktasche parat.
Gedacht - gemacht. Könnte ich gleich heute erledigen. Machen wir eine Liste, was alles hineinmuss. Das Stammbuch mit den Geburtsurkunden; die Personalausweise der Kinder; Kontounterlagen; Fahrzeugpapiere. Mehr fällt mir jetzt nicht ein. Das ist eigentlich nicht so schwer. Was man eben nicht mitnehmen kann, wäre der ganze Kram, der sich nun mal ansammelt, wenn man seßhaft wird. Bücher, Schallplatten, Textilien und Müll. Schon lange aussortiert und bereitgestellt und noch nicht weggefahren. Und dann: Kabel. Ein ganzes Kommodenschubfach voll mit inzwischen unentwirrbar ineinander verknäulten Chinch-, Netzwerk- und Verlängerungskabeln und elektronischen Kleingeräten, deren Zweck mir nicht mehr auf den ersten Blick geläufig ist.
Ein paar Bücher müssten für die Kinder noch in das Köfferchen und eine Taschenlampe. Für mich ein Blister meiner Blutdrucktabletten. Vielmehr brauchen wir nicht. Die geordnet ablaufende Version so einer Katastrophe wäre ein Umzug. Beim einem Umzug wird nichts zurückgelassen. Wegschmeißen kann man später immer noch. Man kann nie wissen, wozu man das noch mal brauchen kann. Hinterher ärgert man sich. Aber was soll's? Wir sind nun mal keine Nomaden. Wir sind seßhaft und wir wollen nicht in einer leeren Wohnung sitzten. Eine Wohnung ist keine Jurte, die man morgen früh wieder zusammenpackt, weil man weiterzieht. Aber die Kabel können jetzt wirklich mal weg.
By
liedersaenger.de on