Gracias a la vida

Die schöne Schwester meiner schönen Frau würde sich schon auf die Feier zum hundertjährigen freuen. Ihren hundertjährigen feiern Paare, die zusammengenommen ein Lebensalter von einhundert Jahren erreichen. Auf den ersten Blick und rein rechnerisch, scheint das bei meiner schönen Frau und mir im kommenden Jahr der Fall zu sein. Zu diesem Ergebnis kommt man aber wirklich nur bei oberflächlicher Betrachtung. Wenn man nämlich nicht weiß, dass mein Leben an einem ganz bestimmten Punkt eine völlig unerwartbare Wendung nahm und meine Geburtstage seit diesem Tage quasi rückwärts laufen. Das Ereignis fand im Jahr meines fünfzigsten Geburtstags statt und zwar am 1. Juli. Seit dem sind neun Jahre vergangen und ich bin an diesem ersten Juli also 41 geworden.
Das Ereignis war ein Autounfall. Ich war vormittags unterwegs auf der A9 Richtung München. Ich wollte an einer Jubiläumsveranstaltung teilnehmen und ein Lied vorsingen. Aber dann war ich auf einmal im Krankenhaus auf der Intensivstation. Ich hatte keine Erinnerung an den Autounfall. Ich war nur ausgesprochen vergnügt. Und das obwohl ich schon einige Blessuren hatte, die gravierendste waren Doppelbilder, wenn ich mit beiden Augen guckte. Aber es machte mir nichts aus. Sie mussten mir irgendwas gegeben haben, das mich so vergnügt machte.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich allein gelebt und konnte mir beim besten Willen nicht mehr vorstellen, dass sich an diesem Zustand nochmal etwas ändern würde. Meiner schönen Frau war ich zwar schon begegnet und wir trafen uns seit vier Wochen in beruflichen Zusammenhängen regelmäßig. Aber ich war 20 Jahre älter und sie mir quasi schutzbefohlen. Kein Gedanke an eine Liebesbeziehung! Aber nach und nach stellte sich heraus, dass der "Unfall" ein "Glücksfall" gewesen war und meine Sicht auf das Leben und die Menschen, denen ich begegnete hatte sich verändert. Ich sah und hörte Nuancen, für die ich vorher offenbar blind und taub war. Und heute sind wir zu fünft:
Liebes Leben, danke!
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