Eine Welt, die nicht existiert
Mit unserem ältesten Sohn spiele ich neuerdings das Und-dann-Spiel. Das geht so, dass einer damit beginnt, den Anfang einer Geschichte zu erzählen, die mit den Worten "und dann..." weitergegeben wird. Das war mal eine Aufgabe bei Dalli-Dalli, wo natürlich auf Zeit erzählt wurde und wo es darauf ankam, so viele und-danns wie möglich in sechzig Sekunden unterzubringen. Das spielt in unserer Version keine Rolle. Bei uns geht es nur darum, die Geschichte weiterzuspinnen. Ich hatte damit angefangen zu erzählen, wie ich in den Fernseher hineingesogen wurde und plötzlich auf der anderen Seite der Mattscheibe saß. Dann kam der Papa mit der Fernbedienung und machte den Fernseher aus.
Seitdem sitzen wir quasi in der Kiste fest. Die Scheibe zur Welt nach draußen ist weg und gestern sind wir auch noch mitten in einem Horrorfilm gelandet. Leider weiß keiner von uns beiden, wie wir wieder heraus kommen. Ich habe es schon ein paar Mal mit einschlafen und außerhalb des Fernsehers wieder aufwachen versucht, aber das funktioniert nicht. Spätestens nach dem nächsten und-dann stellt sich heraus, dass es ein Traum war und der Ich-Erzähler immer noch in der Fernseh-Welt gefangen ist.
Das Problem scheint auch damit zu tun zu haben, dass der Fernseher so selten angemacht wird. Sonst könnte man nämlich schon durch die Scheibe Kontakt aufnehmen und auf dieselbe Weise wieder herauskommen, wie man hineingekommen ist. Aber die meisten Sendungen werden auf Festplatte aufgezeichnet und nie angeschaut. Wir sind also gefangen. Ich ärgere mich jetzt, dass ich nicht von einem Buch angefangen habe, in das ich hineingesogen wurde. Aber egal. Wir müssen in den nächsten Tagen irgendeinen Weg hinaus finden. Wenn es ihn überhaupt gibt. Wenn wir nicht, wieder draußen, feststellen, es gibt immer noch einen Mattscheibe, hinter der wir gefangen sind und dahinter noch eine und wieder eine. Dass "Draußen" eine Illusion ist. Eine Dystopie. Eine Welt, die nicht existiert.
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