Eine Welt, die nicht existiert

Ein großer Flachbildfernseher steht mittig auf einem Holzmöbel in einem gedämpft beleuchteten Wohnzimmer. Auf dem Bildschirm ist genau derselbe Fernseher zu sehen – wiederum mit demselben Bild auf seinem Bildschirm. Dieses Muster wiederholt sich immer weiter und bildet einen scheinbar endlosen Tunnel aus ineinander verschachtelten Fernsehbildern, die mit jeder Wiederholung kleiner werden und im Zentrum der Bildfläche verschwinden.Zu beiden Seiten des Fernsehers sind identische Elemente des Wohnzimmers zu erkennen: warme Tischlampen mit beigen Lampenschirmen, Topfpflanzen und gerahmte Bilder an der Wand. Durch die unendliche Wiederholung erscheinen auch diese Gegenstände immer wieder und verstärken den Eindruck einer endlosen, symmetrischen Perspektive.Das Bild ist in warmen Braun- und Beigetönen gehalten. Die Beleuchtung wirkt ruhig und wohnlich, während die mathematisch präzise Wiederholung der Bildschirme eine surreale, fast hypnotische Wirkung erzeugt. Menschen sind nicht zu sehen. Das Motiv spielt mit der Idee der Unendlichkeit: Jeder Bildschirm enthält dieselbe Szene, die wiederum einen Bildschirm mit derselben Szene zeigt – ohne erkennbaren Anfang oder Ende. Mit unserem ältesten Sohn spiele ich neuerdings das Und-dann-Spiel. Das geht so, dass einer damit beginnt, den Anfang einer Geschichte zu erzählen, die mit den Worten "und dann..." weitergegeben wird. Das war mal eine Aufgabe bei Dalli-Dalli, wo natürlich auf Zeit erzählt wurde und wo es darauf ankam, so viele und-danns wie möglich in sechzig Sekunden unterzubringen. Das spielt in unserer Version keine Rolle. Bei uns geht es nur darum, die Geschichte weiterzuspinnen. Ich hatte damit angefangen zu erzählen, wie ich in den Fernseher hineingesogen wurde und plötzlich auf der anderen Seite der Mattscheibe saß. Dann kam der Papa mit der Fernbedienung und machte den Fernseher aus.

Seitdem sitzen wir quasi in der Kiste fest. Die Scheibe zur Welt nach draußen ist weg und gestern sind wir auch noch mitten in einem Horrorfilm gelandet. Leider weiß keiner von uns beiden, wie wir wieder heraus kommen. Ich habe es schon ein paar Mal mit einschlafen und außerhalb des Fernsehers wieder aufwachen versucht, aber das funktioniert nicht. Spätestens nach dem nächsten und-dann stellt sich heraus, dass es ein Traum war und der Ich-Erzähler immer noch in der Fernseh-Welt gefangen ist.

Das Problem scheint auch damit zu tun zu haben, dass der Fernseher so selten angemacht wird. Sonst könnte man nämlich schon durch die Scheibe Kontakt aufnehmen und auf dieselbe Weise wieder herauskommen, wie man hineingekommen ist. Aber die meisten Sendungen werden auf Festplatte aufgezeichnet und nie angeschaut. Wir sind also gefangen. Ich ärgere mich jetzt, dass ich nicht von einem Buch angefangen habe, in das ich hineingesogen wurde. Aber egal. Wir müssen in den nächsten Tagen irgendeinen Weg hinaus finden. Wenn es ihn überhaupt gibt. Wenn wir nicht, wieder draußen, feststellen, es gibt immer noch einen Mattscheibe, hinter der wir gefangen sind und dahinter noch eine und wieder eine. Dass "Draußen" eine Illusion ist. Eine Dystopie. Eine Welt, die nicht existiert.

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