Fast jeder zweite

Auf sueddeutsche.de gibt es eine Suchmaske, mit der man nach NSDAP-Mitgliedern suchen kann. Ich habe den Namen meines Urgroßvaters eingegeben und bekam einen Treffer angezeigt. Geburtsjahr, Beruf und Wohnort waren plausibel, so dass der Treffer schon richtig sein kann. Dass mein Urgroßvater oder irgendjemand aus meiner Familie im Widerstand aktiv war, habe ich zwar nicht angenommen, aber dass er gleich Parteimitglied gewesen ist, hätte ich auch nicht gedacht. "Naja, für unsere Familie können wir ja wohl alle nichts" sagt Christiane Hörbiger als Göring-Nichte Freifrau von Hepp zu Ulrich Mühe als Zeitungsherausgeber in Schtonk, womit sie freilich recht hatte. Mein Uropa starb, als ich vier war, daher habe ich keine Erinnerung an seine politischen Einstellungen und Aktivitäten.
Was bedeutet es für mich, einen Nazi in der Familie zu haben? Es bedeutet, was wir ja auch schon lange wissen, dass die NSDAP keine Minderheit irgendwelcher Spinner war, sondern von einer breiten Mehrheit der damaligen Deutschen getragen und gewollt war. Ob sich alle Unterstützer darüber im Klaren waren, was sich daraus entwickeln wird, sei dahingestellt. Aufklärung hat an dieser Stelle jedenfalls nichts gebracht oder war einfach nicht wirksam genug. Und es sieht ganz danauch aus, als ob wir Heutigen so etwas auch bald erleben werden.
Was kann man dagegen unternehmen? Die Sicherungen, die das Grundgesetz gegen Totalitarismus und Faschismus vorsieht, werden nicht angewendet: AFD-Verbot; Grundrechteentzug für rechte Hetzer wie Höcke. In meiner unmittelbaren Nachbarschaft, in Aue, hat der Kandidat der rechtsextremen Freien Sachsen haarscharf die Wahl zum Bürgermeister in der Stichwahl verfehlt. Fast jeder zweite, der seine Stimme abgegben hat, hat ihn gewält. Wir kennen also mit Sicherheit jemanden, der oder die antidemokratisch wählen wird. Aber auch wenn wir wüssten, wer sie sind, könnten wir sie davon abhalten? Sie umstimmen? Wie denn? Ich weiß es nicht. Ich weiß es einfach nicht.
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