Feuerburg

Es ist eine der schwierigsten Entscheidungen, die man als jugendlicher Mensch treffen muss und die einem eigentlich keiner abnehmen kann: Die Berufswahl. Ich hatte keine Ahnung, was mal aus mir werden sollte. Ebensowenig wie meine Eltern. Noch als Grundschüler wollte ich Lehrer werden. Unterstufenlehrer. Ich stellte mir vor, ich müsste Diktate schreiben lassen und sie anschließend korrigieren. Außerdem hätte ich Tafelbilder zu entwerfen, die die Klasse dann in ihre Hefte zu übertragen hätte. Mein Kürzel, das unter jeder Note stand, würde "Klö" sein. Als in der fünften Klasse Herr Bötticher unser Klassenlehrer wurde, der mit "Bö" kürzelte, verlor ich vollständig das Interesse. Ich konnte das "Klö" so vollendet imitieren und hatte einen Klassensatz Schreibhefte mit Diktaten inklusive Fehlern vollgeschrieben, korrigiert, benotet und "Klö"gekürzelt. Alles umsonst. Sollte Lehrer werden, wer wollte - ich nicht. Weitere Optionen waren Berufsreiter (Facharbeiter für Pferdezucht und Leistungsprüfungen) und Schauspieler. Oder Finanzkaufmann. Am besten mit Abitur. Als Essengeldkassierer brachte ich wertvolles Vorwissen mit.
Aber dann kamen die Rekrutierer der NVA und führten Einzelgespräche mit den Jungs der achten Klassen. Plötzlich schien der Weg ganz klar vorgezeichnet: eine Offizierslaufbahn bei der NVA. Alle Türen würden einem offen stehen und dazu der Dank der Arbeiterklasse einem ewig nachschleichen. Der von Partei und Regierung sowieso. Es gab ein A5-Blatt, das man nur ausfüllen musste. Da ich noch nicht 18 war, mussten meine Eltern unterschreiben. Die weigerten sich aber. "Nicht so schlimm", sagte der Kopfgeldjäger. "In vier Jahren bist du 18, dann unterschreibst du selbst. Gib die Bewerbung nur ab." Ich gab sie nicht ab.
In diesem Sommer fuhr ich mit dem Jungmännerwerk der Evangelischen Kirche auf die Mühlburg. Es gab einen alten Diafilm, der auf keiner Jungscharrüstzeit fehlen durfte: Die wilden Jungen von der Feuerburg. Die Bilder darauf waren gezeichnet und der Film schon so alt und verschlissen, dass er nicht mehr lange durchhalten würde. Da entstand die Idee, mit ausgewählten Jungen den Film auf einer echten Burgruine neu aufzunehmen. Es war ein prägendes Erlebnis und Eckard Wiecher war damals ein charismatischer Landesjugendwart. Er sang, spielte Gitarre und fuhr Wartburg. Mir wurde klar, dass ich so etwas wie die Geschichte mit den Jungen auf der Feuerburg als NVA-Offizier nicht erleben würde. Wiecher war Diakon aus dem Johannes-Falk-Haus in Eisenach. Gleich nach den Ferien ging ich ins Sekretariat und sagte dem Schuldirektor für seine Offiziersanwärter-Liste ab.
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