Glückspilz

Ich dachte erst, ich hätte keine Hosen mehr. Eine war durch Fremdeinwirkung verschmutzt worden und von der anderen war der Knopf abgegangen. Wie man Knöpfe annäht, hat unsere Mutter uns zum Glück beigebracht. Übrigens auch, wie man Socken stopft. Letzteres mache ich heute nicht mehr, aber einen Knopf muss ich schon ab und zu dran machen. An meine einzige verbliebene Hose zum Beispiel. Es ist nämlich eine kurze Hose und die sind bei mir üblicherweise etwas weiter geschnitten. Wenn ich nun, warum auch immer, meinen Gürtel aufmache, rauscht die Hose gleich vollständig runter und wer steht schon gerne ohne Hosen da.
Also musste der Knopf wieder ran. Gelernt ist gelernt. Wenn aber drei Kinder ständig dazwischenwuseln und man aufpassen muss, dass man keines von ihnen mit der Nadel sticht, ist auch Knopf annähen eine Herausforderung. Meine Uroma Auguste hätte einen ihrer Holzpantinen nach uns geschmissen, wenn wir ihr so beim Knopf annähen dazwischengefunkt hätten. Und der Uropa erst. Der war ja Schneider und dazu noch ausgesprochen jähzornig. Ich habe mich da einigermaßen im Griff, aber trotzdem hatte ich plötzlich die nächstliegende Gürtelschlaufe mit eingenäht. Es war nur ein Stich, aber man kommt ja mit der Nadel nicht mehr zurück. Man müsste denselben Einstich treffen und das ist ein Ding der Unmöglichkeit.
Wenn ich nicht wegen der Kinder so aufgeregt gewesen wäre, hätte ich vielleicht bei ihrer schönen Mutter um Rat gefragt. Dann hätte sie gesagt: "Du musst nur den Faden aus der Nadel ausfädeln, dann kannst du ihn rausziehen, wieder einfädeln und weiter nähen." Ich habe aber nicht gefragt, sondern habe den Faden abgeschnitten und dann weiter genäht. Zwei Tage hat der Knopf gehalten. Dann ist er beim Gürtel aufmachen wieder abgegangen, die Hose rauschte runter und ich stand ohne Hosen da. Zum Glück auf dem Klo, da war es nicht so schlimm. Da gerade auch mal keine Kinder anwesend waren, konnte ich in aller Ruhe den Kleiderschrank inspizieren, wobei tatsächlich noch eine dritte, vollständig intakte Hose zum Vorschein kam. Was für ein Glückspilz ich doch bin!
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