Grinsen und Nicken
Wenn die tschechischen Abgeordneten den Reichsrat der k.u.k. Monarchie in Wien aus verschienden Gründen arbeitsunfähig machen wollten, lasen sie unter anderem Gedichte vor. Nicht stundenlang. Aber tagelang. Es gab nämlich keine Redezeitbegrenzung im Reichsrat und wer einmal das Wort hatte, brauchte es eigentlich nie wieder abzugeben. Das könnte ich hier natürlich auch machen. Ich könnte ohne Ende tschechische Gedichte posten und im Unterschied zum Reichsrat, den der Kaiser immerhin auflösen konnte, um dem Spuk Einhalt zu gebieten, könnte mich keiner ausbremsen. Jedenfalls nicht, solange ich mich im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung bewege. Da ich nun aber überhaupt kein Tschechisch kann, könnte ich schnell in irgendetwas Verbotenes hineingeraten. Das will ich nicht und darum nehme ich von dieser kühnen, weil ein bisschen rebellisch anmutenden Idee gleich wieder Abstand.
Also muss ich wieder das Übliche schreiben. Immerhin dürfte das so Geschriebene einigermaßen lesbar sein, wenn sich auch vielleicht nur schwer erschließen mag, was ich mit dem Geschriebenen denn nun eigentlich sagen will. Das sei aber geschenkt, denn es erschließt sich eben nur dem oder der entsprechend geneigten Lesenden. Andernfalls hätte ich es ja auch gleich sagen können.
Während also auf diese Weise je nach Neigungswinkel der Lesenden durchaus Verständnis des Gesagten, aber nicht oder höchstens zwischen den Zeilen Geschriebenen wachsen kann, hat man es als zugewanderter Erzgebirgler hierzulande schon schwerer, wenn man allein auf das Hören angewiesen ist. Je mehr man einerseits durch jahrelang wiederholtes Auftreten in bestimmten Zusammenhängen an Zugehörigkeit gewinnt, desto weniger nimmt das jeweilige Gegenüber Rücksicht auf die Sprachbarriere, die für Nichtmuttersprachler im Erzgebirge auch auf Grund anatomischer Gegebenheiten unüberwindbar ist. Wozu man da schon einigermaßen blöd grinsend genickt hat, was einem natürlich als Zustimmung ausgelegt wird, will man gar nicht so genau wissen. So ging es mir gestern am Schulbus beim Smalltalk mit dem Opa eines Schulkollegen unseres Ältesten. Mein Grinsen und Nicken fror ein, als der sagte: "Ich will meinen Erich wiederhaben!", was ich als einzigen Satz verstanden habe. Aber da war es zu spät.
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