Irrenhaus
Nachdem ich nun einen Vormittag, einen halben Nachmittag und auch noch ein Weilchen am Abend mit mir darüber Zwiesprache gehalten habe, was an dieser Stelle als nächstes für ein Text stehen sollte, beginne ich nun mit der Niederschrift der Ergebnisse. Vorher habe ich auch noch den einen oder anderen Artikel in der Zeitung gelesen, was ich natürlich hätte bleibenlassen sollen. Aber hinterher ist man immer klüger. Es ging sowohl in den Selbstgesprächen als auch in den Zeitungsartikeln um die Wahl in Sachsen-Anhalt und was das monströse Ergebnis für mich bedeutet. Es ist nicht möglich, einfach zur Tagesordnung überzugehen.
Vor langer, langer Zeit war ich mal irgendwo in Brandenburg oder in der Prignitz in einem Waldstück und habe dort Menschen besucht, die als Indianerstamm zusammenleben. Ich kann mich nur noch sehr dunkel daran erinnern. Ich weiß nicht mehr, wo ich geschlafen habe. In einem Zelt? Jedenfalls war es sehr kalt und abends saßen wir bei offenbar reichlich Feuerwasser am Feuer. Vielleicht ging auch eine Art Friedenspfeife rum. Ich war dort mit irgendjemandem, den ich von irgendwoher kannte und der seinen Bruder besuchen wollte, der mit seiner Familie dort lebte. Waren die Leute Selbstversorger? Ich glaube, sie haben es versucht. Die Kinder mussten irgendwie in die Schule. Aber es war eine Aussteiger-Kommune mitten im dicht besiedelten Deutschland.
Ich glaube aber nicht, dass das für meine Familie und mich eine Option wäre. Wir könnten uns auch den Laurentianern anschließen. Auf dem Weg zu unserem Ausflugslokal müssen wir immer durch so eine Kommune und es sieht nicht so aus, als ob sie noch von dieser Welt wären. Allerdings scheinen Geschlechter-Rollen und Frauenbild bei ihnen auch völlig aus der Zeit gefallen zu sein. Offenbar sind wir also von Verrückten umgeben, die lieber unter sich bleiben wollen. Vielleicht bin aber auch ich schon längst auf einem weitläufigen Klinik-Gelände untergebracht, wo mir eine Welt vorgegaukelt wird, in der ich mich noch halbwegs zurechtfinde. Meine schöne Therapeutin ist innewohnend, ein neues und sehr innovatives Konzept. Möglicherweise bin ich aber auch gar kein Patient, sondern eben der Ehemann einer Therapeutin aus diesem riesigen Irrenhaus. Ich weiß es nicht. Und ich werde es wahrscheinlich auch nie erfahren.
By
liedersaenger.de on