Jetzt schlägts Dreizehn

Braunes, geschwungenes Holzgehäuse steht auf einem hellen Boden vor einer weißen Wand. Mittiges rundes Zifferblatt mit goldfarbenem Rand, schwarzen Zahlen 1–12, zwei Zeigern und einem Aufziehloch.

Die alte Wanduhr ist übrigens fertig. Nein, sie ist nicht wirklich alt. Meine Eltern haben sie sich nach der Wende gekauft, als sie sich ein bisschen "stilvoll" einrichten wollten. Sagt man heute noch so: Nach der Wende? Na, jedenfalls war sie teuer genug. Jetzt habe ich noch ein Ziffernblatt mit arabischen Zahlen gekauft und es auf dem Uhrwerk des Schlagwerks installiert. Allerdings waren die Zeiger zu groß und stießen am Uhrenkasten an. Zum Glück hatte ich ganz am Anfang schon ein Uhrwerk gekauft, dass ich dann aber nicht gebraucht hatte. Dessen Zeiger passten jetzt perfekt. Den Lautsprecher des Schlagwerks habe ich doch außen auf dem Uhrenkasten angebracht, weil es innen zu eng geworden wäre. Außerdem wäre das ohnehin (angenehm) leise Schlagwerk dann kaum zu hören gewesen.

Jetzt schlägt sie also und ich bin zufrieden. Per Schiebeschalter lässt sich der Glockenschlag bequem einstellen. Vormittags bevorzuge ich den Viertelstundenschlag mit der Westminster-Melodie. Solange ich allein bin, kann ich es einrichten, rechtzeitig in der Nähe der Uhr zu sein, aber wenn die Kinder zu Hause sind, verpasse ich die meisten Stundenschläge. Darum muss ich mich, solange es möglich ist, an den Viertelstunden satt hören.

Ich frag' mich, was es ist, dass mich der Stundenschlag so schön triggert. Vielleicht Erinnerung. Nicht an die Uhr der Eltern, da habe ich schon nicht mehr zu Hause gewohnt. Aber vielleicht an die Uhr meiner Urgroßeltern. Die hatte ein hammergetriebenes Schlagwerk aus Metallstangen, das mehrstimmig zur halben und zur vollen Stunde erklang. Kathleen hatte so eine geerbt und konnte sie in ihrer Ein-Zimmer-Wohnung in Weißensee nicht gebrauchen. Sie schenkte sie mir und ich hatte sie, bis ich mein Einzelschließfach im Barnim verließ. Ich weiß nicht, warum ich sie nicht mitgenommmen habe. Aber Erinnerungen wird man so einfach nicht los. Und jetzt schlägts Dreizehn.

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