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Memento mori

Die Kunst zu Sterben wird im Leben nicht gelehrt. Das könnte uns eines Tages, der todsicher kommt, auf die Füße fallen.

Sterben ist nicht das Schlimmste, was einem passieren kann. Bei Weitem nicht. Man muss es aber auch verstehen. Wenn man den eigenen Tod nicht mehr selbst erleben kann, muss der letzte selbst erlebte Augenblick quasi spielentscheidend sein. Wenn man weiß, dass man stirbt, kann das schwierig werden. Angst wäre gewissermaßen tödlich. Der letzte Augenblick wird sozusagen als Standbild zur Realität. Das bleibt dann so, bis zum jüngsten Tag. Ich glaube das wirklich und ich hoffe, dass es bei meinem Vater funktioniert hat: „Denk an die guten Zeiten!“

Die guten Zeiten begannen, als mein Vater und meine Mutter sich begegneten und sie dauerten an, bis meine Mutter krank und pflegebedürftig wurde. Leider haben die guten Zeiten kein Schild, auf dem „Hier beginnen die guten Zeiten“ stünde. Wir begreifen unser Glück nicht, wenn wir es erleben. Erst zurückblickend verstehen wir es. Oder, wie Reinhard Mey singt, „wenn wir es von draußen sehen“. Ein Leben mag schwer und mühselig gewesen sein, aber es sollte doch immer auch eine Kleinigkeit Glück enthalten. Mag dieses Glück auch nie als solches erlebt und erkannt worden sein, wenn es nur im allerletzten Augenblick zu uns zurückkommt, kann es ein ganzes Leben retten.

Wie gesagt, ich kann nur hoffen, dass das bei meinem Vater funktioniert hat und dass jetzt alles gut ist. Es fühlt sich jedenfalls so an, und er sah friedlich und entspannt aus, nachdem er gestorben war. Ich konnte ihn jeden Tag sehen, weil er zu uns gezogen war und an einem seiner letzten Tage nahm er meine Hand mit der ich die seine hielt und schob sie von sich weg in Richtung der Tür. Nicht so, als wäre ich ihm lästig, sondern so, als entließe er mich aus der Pflicht, für ihn zu sorgen. Also lasse ich ihn los und gehe weiter in meinem Leben. Und die Schatten des Abschieds verblassen, schwinden und weichen dem Licht von Liebe und Dankbarkeit.

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