Nicht männlich sein

Gestern las ich einen längeren Text über die Männlichkeit und darüber, wie schwer es für Jungen ist, menschlich zu bleiben. Es gibt nicht viel Schlimmeres, als mit ansehen zu müssen, wie die eigenen Kinder in diesem Sinne auf die schiefe Bahn geraten. Nicht viel Schlimmeres, als sie an die "Männlichkeit" zu verlieren. Ich hoffe doch sehr, dass wir es in der Hand haben, dass so etwas nicht passiert.
Hat das denn zu meiner Zeit überhaupt keine Rolle gespielt? Ich kann es gar nicht sagen. Ich war praktisch von Anfang an und immerzu mit Mädchen unterwegs. Meine Mutter war bis ich drei wurde mit mir zu Hause und auch danach blieb die Erziehung Frauensache. Mein Vater arbeitete vom Morgen bis zum Abend oder war beim Sport. Er war Leichtathletik-Trainer bei Stahl Hennigsdorf, damals ASK-Trainingszentrum. Eine Zeitlang nahm er mich dorthin mit, aber auch da war ich vorrangig mit Mädchen zusammen. Ich ging dann zum Reiten nach Velten - ein ausgesprochener Mädchensport. Ich war im Pioniertheater, lange Zeit einer von zwei Jungs in der Gruppe. Überall waren Mädchen. Die Jungs aus meiner Klasse in der Lehre bei der Reichsbahn kann ich aufzählen - wir waren fünf. Alles andere Mädchen. Selbst in die Diakonenausbildung in Berlin Weißensee - eine klassische Männer-Domäne - kamen ab 1987 Mädchen. Dann Studium Sozialarbeit/Sozialpädagogik - ein Mädchen-Beruf.
Vielleicht hat mich das gerettet und gegen die Männlichkeit immun gemacht. Vielleicht war es auch etwas anderes. Oder ich bin gar nicht immun und es erwischt mich irgendwann noch. Meinen Söhnen wünsche ich jedenfalls, dass sie auch davon verschont bleiben mögen. Und das ist vielleicht auch das einzige, was ich ihnen vorleben kann: Nicht männlich zu sein.
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