Rausgehen
Ich friere. Jawohl, ich sitze zu Hause und friere, dass ich zittere. Es wird nämlich kalt in Deutschland. Dieser Herbst macht seinem Namen alle Ehre und wird vielleicht einmal als "Zweiter Deutscher Herbst" in die Geschichte eingehen. Wir müssen uns warm anziehen. Und auch schon mal einheizen. Am Bus tragen die Kinder schon Mützen und Schals und die Dunkelheit am Morgen dauert länger. Sogar das Bier wird wieder dunkel. Bislang war es noch immer so, dass man auf das nächste Frühjahr hoffen konnte. Dass es dann wieder wärmer wird. Davon kann man nun nicht mehr ohne Weiteres ausgehen.
Es ist schon seltsam, wie viel unterschiedliches Blau es gibt. Der Himmel ist blau und das Meer ist blau. Und dann gibt es noch dieses Stahlblau, das man selbst nicht gerne anziehen würde. Es gibt aber Menschen, die das kleidsam finden und die vielleicht sogar ihre Wohnzimmerwand damit anstreichen würden. Es liegt uns fern, diese Menschen für ihren ungewöhnlichen Farbgeschmack zu verurteilen. Aber man fragt sich doch insgeheim, wie es kommt, dass man so etwas anziehend findet. Sind wir komisch oder sind die Anderen komisch? Sollen wir einfach verschwinden, so dass es nur noch die Anderen gibt?
Nur das nicht! Und wenn die ganze Welt auf diese Weise anders werden will, müssen wir bleiben, was wir sind und wie wir sind. Gerade deswegen.
Dennoch müsst' ich mich von hinnen heben, sei's auch nur zu bleiben, was ich war
hat Theodor Kramer gedichtet. Sich von hinnen zu heben hilft aber nicht mehr und es gibt kein "Draußen" mehr, wo man nicht zu schreien brauchte. "Die Erde dreht sich" hat meine Oma immer gesagt. Und: "Alle vierzig Jahre ändert sich das System." Das "System" ist nämlich eigentlich an allem schuld. Nun ändert es sich und man kann ihm sogar dabei zugucken, bis es einem kalt den Rücken herunterläuft. Oder eben einheizen. Und sich dann warm anziehen und rausgehen.
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