Respektvoller Umgang
Die Angst vor Ungeziefer scheint tief in unseren Genen zu sitzen. Angst davor, dass man irgendwas wegrückt und dadurch Massen von wild durcheinanderwuselnden Kriechtieren aufschreckt. Ineinander verknäulte Weberknechte zum Beispiel oder Silberfische. Eigentlich bekommt man sie immer nur einzeln zu Gesicht, wenn sie mit unglaublicher Geschindigkeit von einem entdeckten Versteck ins nächste huschen wollen. Aber was soll ich machen, wenn ich einen Schrank abrücke und plötzlich tauchen Hunderte dieser Kreaturen auf und laufen mir über Hände und Gesicht. Sofort beginnt es überall am Körper zu krabbeln. Meine persönliche Horrorvorstellung geht so, dass ich vorm Spielgel stehe, mich rasiere und ganz langsam tasten sich von hinten - erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier - haarige Spinnenbeine um meinen Kopf herum.
Da kann man nichts gegen machen. Die Angst ist offenbar angeboren und wie alle Ängste irrational. Dabei tun einem weder Silberfische noch Weberknechte etwas zuleide. Man will sie halt nur nicht im Haus haben. Was macht man also? Man holt den Kammerjäger, der das Ungeziefer ausräuchern soll, sprich: Massenhaft vernichten. Jetzt kommt noch die Stinkwanze dazu. Auch sie ist vollkommen harmlos, sondert aber zur Abwehr von Fressfeinden ein übelriechendes Sekret ab und den Gestank soll man nur schwer wieder loskriegen.
Zumindest bei diesem Tier scheint sich nun ein Sinneswandel zu vollziehen, was die Durchsetzung des Hausrechtes betrifft. Es wird ausdrücklich davon abgeraten, Gewalt anzuwenden, da sich die Wanze sonst unweigerlich mit ihrem Stinkapparat zur Wehr setzen würde. Stattdessen werden "respektvoller Umgang" sowie schonende und freundliche Abschiebepraktiken wie behutsames Glasüberstülpen und freundliches Papierunterschieben, nach draußen tragen und freilassen empfohlen¹. Ein Verfahren, dass in unserer Wohnung schon längst auch auf Stubenfliegen angewendet wird. Ich begrüße es, wenn sich diese Haltung gegenüber den Mitgeschöpfen weiter verbreitet, sei es auch nur ihrer Wehrhaftigkeit wegen. Allein Stechmücken dürfen weiterhin erschlagen werden.
¹ Süddeutsche Zeitung vom 10.09.26
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