Schrödingers Papiere

Holzregalfach mit verschiedenen Gegenständen: an der Rückwand hängen ein Blatt mit gelber Handabdruckfarbe, zwei Metall-Ausstechformen und ein Foto eines Kindes; auf dem Boden des Fachs liegen eine kleine Schale mit Münzen/Schlüsseln, ein Schlüssel, mehrere lose Zettel und Karten sowie ein schwarz-weißes Notizbuch. Rechts oben ein Stapel Papiere/Heftchen neben einer roten Kunststoffflasche und einer grünen Plastiktüte; in der Mitte ein Becher mit Stiften.

Ich genieße die Ruhe vor dem Sturm. Das ist sozusagen meine Tagesaufgabe. Ich habe nämlich sturmfreie Bude. SFB. Meine schöne Frau verdingt sich gerade noch für meinen Unterhalt, der älteste besucht die Schule und die beiden jüngsten sind im Kindergarten. Was liegt näher, als die Ruhe zu nutzen, um mal ein bisschen aufzuräumen. Nach dem Tisch das Regal. Die linke Seite im mittleren Fach ist meine und ich nutze sie, um noch zu bearbeitende Post zur Seite zu legen. Es ist ganz und gar erstaunlich, wie rasant einzelne Papiere zu ansehnlichen Haufen mutieren, denen man ihren Inhalt nicht mehr auf den ersten Blick ansieht. Man muss sie von Zeit zu Zeit ohnehin einzeln durchblättern und sortieren.

Mit diesem Verfahren erledigt sich einiges durch Zeitablauf. Das kann dann weg. Aber was machen wir mit der Rechnung für unsere Unterkunft aus dem letzten Urlaub? Vielleicht wollen wir sie ja zu Vergleichszwecken noch einmal konsultieren? Dann gibt es noch vier Einzelblätter mit Schreiben von der GEMA. Braucht man das noch mal? Am besten: Neuen Ordner in der Cloud anlegen, scannen, shreddern, Papiertonne. In ihrem digitalen Grab führen wichtige Dokumente ein seltsames Schattendasein. Sieht man nach, sind sie da. Sieht man nicht nach, sind sie weg. Ein Paradoxon. Schrödingers Papiere.

Mit Textilien geht es mir ähnlich. Es gibt an verschiedenen Stellen in der Wohnung kleine Haufen mit Sachen von mir, deren Zuordnung zu konkreten Vorgängen, na, sagen wir, unklar ist. Sollen sie nun in die Wäsche oder wieder zurück in den Schrank? Oder soll ich sie anziehen? Sie existieren gleichsam im Dazwischen; nicht Schrank, nicht Leib, nicht Wäsche. Ein jammervoller Zustand, dem ich, Gott sei Dank, ein Ende machen konnte. Aber es gibt immer Kandidaten, die sich partout nicht zuordnen lassen. Zum Beispiel die Gartenhose. Eigentlich gehört sie zum Umziehen ins Gartenhaus. Wie kommt sie überhaupt hierher? Liegt dort noch eine gute Hose von mir oder war ich mal ohne Hosen im Garten?

By on

freewrite alltag maenner famile

Reply by email

📬 Neue Beiträge per E-Mail

Wenn Ihnen dieser Beitrag gefallen hat, können Sie neue Nachrichten vom liedersaenger bequem per E-Mail erhalten.

Maximal eine E-Mail pro Tag – und nur, wenn ein neuer Beitrag erscheint.

Newsletter abonnieren RSS-Feed

⬅ Vorheriger Beitrag
📝 2026-10-09 16:51

Nächster Beitrag ➡
📝 2026-10-10 08:16