Sicherheitshalber

Ich war für meine Klasse der Essengeld-Kassierer. Ein verantwortungsvoller Posten. Für die Frühstückspause konnte man H-Milch, Fruchtmilch oder Kakao bestellen. Mittags gab es Wahlessen: Entweder essen oder nicht essen. Wer essen wollte, musste bei mir für die Folgewoche bezahlen. Alle fünf Tage kosteten vielleicht fünf Mark irgendwas. Ich hatte eine Essengeldbuch, in dem die Einzahlungen dokumentiert wurden. Damit ging ich dann zum Hausmeister und rechnete ab. Dafür bekam ich Essenmarken, die ich dann wieder gegen Unterschrift ausgab. Für die Frühstücksmilch gab es keine Marken. Die kam in der Frühstückspause in einer großen Kiste, aus der sich jeder seins rausnahm.
Heutzutage bekommt das Kind ein Benutzerkonto bei MensaMax. Will man sich dort einloggen, erscheint eine englischsprachige Meldung, dass das aus Sicherheitsgründen verboten sei. Ein Transponder, den das Kind nicht verlieren darf, rundet die Ausrüstung ab. Noch haben wir diesen Transponder nicht, aber wenn, wird an der Essenausgabe eine Rundumleuchte angehen und alle werden erfahren, dass unser Kind verbotener Weise Mittag essen will. Nein, es geht auch ohne Transponder, dann muss das Kind aber warten, weil die Bestellung erst manuell herausgesucht werden muss. Das ist eben Digitalisierung: Dass die einfachsten Dinge auf einmal nicht mehr funktionieren. Aber es gibt kein Zurück.
Das Gute daran ist, dass unsere Kinder solchen Phänomenen nicht mehr fassungslos und unbeholfen gegenüberstehen werden. Digitalisierungs-Probleme werden für sie so normal sein, wie für unsereins Zugverspätungen, -ausfälle und Schienenersatzverkehr. Das gab es vor der Erfindung der Dampfmaschine ja auch nicht. Wenn man sich nicht einloggen kann (weil sicherheitshalber verboten), kann man natürlich auch kein Essen bestellen. Also kann man den Transponder getrost zu Hause lassen. Dann kann man ihn auch nicht verlieren. Sicher ist sicher. Und wenn etwas bei der Digitalisierung groß geschrieben wird, dann ist es schließlich Sicherheit.
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