Wer für die eigene Sache nicht gekämpft hat
Was ist denn nur eigentlich passiert, dass aus einer offenen und friedliebenden Welt, die zusammenwachsen wollte und Gemeinsamkeiten gesucht hat eine Welt geworden ist, in der wieder nationalistische und faschistische Ideen großen Zulauf haben. Was ist denn den Menschen nur widerfahren, die jetzt der "Politik" einen Denkzettel verpassen wollen? Den Rentnern, die sich so große Sorgen um ihre Rente machen? Den Autofahrern, den jungen Männern, den Biertrinkern? Womit sind sie unzufrieden und wer hat ihnen so übel mitgespielt? Was bedeutet das Gerede von der Wut? Eine Erklärung lautet, dass sich diese Menschen nicht ausreichend in ihrern Affekten wahrgenommen und verstanden fühlen.
Ja. Wahrscheinlich. Das ist doch aber nicht Aufgabe der Politik. Noch gibt es Theater und sogar Fußball! Wenn der Fußball zu irgendwas gut ist, dann doch wohl zur Regulierung von Affekten in einer Masse. Funktioniert das auch nicht mehr? Vielleicht gehen die Unzufriedenen und Wütenden ja gar nicht ins Theater, zu Konzerten oder zum Fußball. Dann hat man freilich ein Problem. Wenn es nur ein paar sind, geschenkt! Wenn es aber so viele werden, dass es bei Wahlen für die Mehrheit reicht, dann hat irgendjemand seine Hausaufgaben nicht gemacht. Aber genau das sagen sie ja! Die Wütenden und Enttäuschten, die Betrogenen und die Zu-Kurz-Gekommenen. Und darum muss sich jetzt was ändern.
Wohin uns diese Entwicklung führen wird, ist schwer vorherzusehen. Gewiss nicht in eine Zukunft, die man sich für seine Kinder wünscht. Jede Staatsform kann pervertieren. Die Demokratie zur Pöbelherrschaft. Ist es das, was auf uns zukommt? Gerade habe ich ein Essay von Andreas Püttmann aus dem Jahr 2016(!) gefunden, worin er genau vor dieser Entwicklung warnt. Er wirbt dafür, für die Demokratie zu kämpfen, für die res publika und er endet mit dem Brecht-Zitat: "Nicht einmal Kampf vermeidet, wer den Kampf vermeiden will, denn es wird kämpfen für die Sache des Feindes, wer für seine eigene Sache nicht gekämpft hat."
By
liedersaenger.de on