Für meinen Leser
Des Lesers eingedenk, der sonst vielleicht enttäuscht vor einem leeren Blatt säße und ohne zu wissen, ob man den vorangegangenen Satz überhaupt so schreiben könne, greife ich zur Feder und entringe mich im letzten Licht des zu Ende gehenden Tages dieser Zeilen. So etwa könnte mein neues Werk beginnen, ein Essay über "Die Sinnlosigkeit der männlichen Existenz nach der Zeugung." Nicht von ohngefähr sind viele männliche Tiere im geschlechtsreifen Alter Einzelgänger, zum Beispiel der Eisbär. Mit dem möchten wir aber nun keinesfalls tauschen, denn sein Lebensraum verschwindet und die ganze Art wird ein trauriges Ende nehmen, wie der Mensch selbst auch, der an dem ganzen Elend schuld ist.
Was nun den Leser betrifft, so handelt es sich auch bei ihm um eine bedrohte und aussterbende Spezies, die es dessen ungeachtet aber wirklich gibt. Ich selbst bin ihm auf einer meiner zahlreichen und äußerst bildenden Reisen leibhaftig begegnet. Er sitzt morgens beim Kaffee in seiner Küche und erwartet, einen neuen Text vorzufinden und zwar genau an der nämlichen Stelle, an der er gestern einen vorgefunden hat. Den Text von gestern erwartet er dort nicht, obwohl es naheliegend wäre, dass das, was man gestern irgendwo vorgefunden hat auch heute noch dort ist.
Aber nein. Der Leser will immer etwas Neues lesen. Kurz nach dem Fall der Mauer hatte ich ein Spenden-Abo der Berliner Morgenpost, weil man ja noch gar kein Westgeld haben konnte, um selbst eine Zeitung zu bezahlen. Die Zeitung kam auch täglich, allerdings mit der Post. Folgerichtig lag sie frühestens am Tag nach ihrem Erscheinen in meinem Briefkasten. Ich weiß nicht, was die sich damals dabei gedacht haben. "Der Ossi kann auch erstmal die Zeitung von gestern lesen." So denke ich nicht über meinen Leser und ich habe gesehen, wie enttäuscht er ist, wenn auch nur die Anzeige des aktuellen Textes nicht funktioniert. Dessen eingedenk, wie anfagangs schon erwähnt, schrieb ich also diese Zeilen.
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