Genies und normal Begabte
Allmählich beschleicht mich ein gewissens Unwohlsein, gemischt mit ein wenig Beklommenheit. Nicht ständig, aber immer dann, wenn ich mir bewusst mache, dass mein schönes Lotterleben in absehbarer Zeit vorbei sein wird und ich wieder einer Erwerbstätigkeit nachgehen muss. Mit jedem schönen Tag, der vorübergeht, kommt dieser gefürchtete Tag näher an mich heran. Dann werde ich in aller Frühe mit dem Filius das Haus verlassen und am Haltepunkt in die Eisenbahn steigen. Am Bahnhof muss er dann in seinen Schulbus umsteigen. Das müssen wir noch üben.
In der Schule macht der Junge rasante Fortschritte. Er kann auf einmal lesen und schreiben. Das war so nicht vorgesehen. Wenn meine schöne Frau und ich uns etwas mitteilen wollen, was er nicht zu wissen braucht, schreiben wir uns einfach kleine Zettel. Jetzt liest der Große mit! Unsere nichtöffentliche Kommunikation kann folglich nur noch stattfinden, wenn die Kinder schlafen. Aber dann hat man mindestens die Hälfte wieder vergessen und aufschreiben können wir ja nichts. Texte wie dieser sind im Moment noch zu komplex, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis er hier auch mitliest. Aber im Ernst: Es ist schon ein berückendes Erlebnis, wenn das eigene Kind nach mehr als eine halbe Dekade währedem Analphabetismus auf einmal Wörter auf Schildern und Aushängen entziffert und laut vorliest.
Fraglos wird bald seine Lehrerin bei uns auftauchen und erklären, der Junge sei ein Genie und müsse eine höhere Schule besuchen. Und ich kann dann zusehen, wo ich das Geld dafür auftreibe. Ein zweiter Gaus. Oder Hawking. Ja, zum Schulanfang hat er ein dickes Buch von Stephen & Lucy Hawking bekommen und vermutlich wird er bald damit in seinem Zimmer verschwinden und nicht eher wieder herauskommen, bis er es durchgelesen hat. Normal Begabte wie wir werden dann keine adäquaten Gesprächspartner mehr für ihn sein können.
By
liedersaenger.de on