Bitter und süß
Gradierwerke sind meterhohe Wände aus dem Reisig des Schwarzdorns, in denen Wasser hinab rinnt. Es ist besonderes, salzhaltiges Wasser und es rinnt auch nicht einfach hinab, sondern es wird "verrieselt". Woher kommt nun das ganze Wasser und wie wird es gewonnen? Nun, es sind Tränen. Nichts anderes, als die Tränen der Brauereiwanderer, die früher oder später diesen Ort wieder verlassen und Abschied nehmen müssen. Ja, es sind die Abschiedstränen aller Wanderer dieser Welt, denn Wanderschaft bedeutet ja, nirgends zu bleiben, immer nur kurz zu verweilen und dann weiterzuziehen. Natürlich will man nicht rührseelig werden und sich gegenseitig das T-Shirt vollheulen. Deshalb gibt es die Gradierwerke, ein Ort für alle Abschiedstränen dieser Welt.
Abschied ist aber zum Glück auch ein Janus-Kopf. Denn hier zu scheiden bedeutet Wiedersehen mit allen, die man zurück gelassen hatte, weil man meinte, in der Fremde sein Glück finden zu müssen.
Es scheinen immer die Männer gewesen zu sein, die Eltern, Weib und Kind verlassen haben und in die weite Welt hinausgezogen sind. Schätzel, ade! Von Frauen ist das irgendwie nicht überliefert. Auch meine schöne Frau hat sich noch nicht einen Tag von uns trennen lassen. Es ist nur schwer vorstellbar, dass dieses Wochenende auch mit vertauschten Rollen möglich gewesen wäre. Dass meine Kinder und ich heute sehnsuchtsvoll auf die Rückkehr der Mutter warten. Trennung und Wiedersehen. Bitter und süß. Sei es, wie es sei: Lebt wohl, liebe Freunde. Bis zum nächsten Mal.
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